„PlanQuadrat – Orte“ Idee und Konzept 2010

Planquadrat

Als Planquadrat bezeichnet man ein Quadrat, das einen genau definierten Platz in einem Raster hat und durch Breiten- und Längengrade wiederzufinden ist (z.B. in einem Stadtplan). Das Quadrat ist eine in sich ruhende neutrale Fläche.
Das Wortspiel „PlanQuadrat“ spielt in der vorliegenden Schreibweise ironisch auf die Tätigkeit des Künstlers an, der nach einem Plan Quadrate ausmalt.

 

Orte als sinnliche Erfahrungen

Die Entscheidung, einen bestimmten Ort und das damit verbundene Erlebnis in ein Bildwerk zu fassen, ist nicht an bestimmte Kriterien gebunden. Es ist allein das subjektive Empfinden des Besonderen, das den Künstler anrührt und das nachhaltige Erleben von Landschaft, das sich beim Betrachten und Wandern einstellt, wenn alle Sinne offen sind für diesen Ort. Der Künstler geht mit dem Ort eine Beziehung ein, die ihn geistig, seelisch und körperlich fordert. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um eine ursprüngliche Landschaft, eine Kultur- oder Industrielandschaft handelt. Die Entscheidung für einen Ort als Bildquelle kann auch erst im Nachhinein aus einer starken Erinnerung heraus getroffen werden.

 

Der Fotograf dokumentiert

Der Fotograf beobachtet die Landschaft, lässt sie auf sich wirken und findet das Augenfällige und Besondere des Ortes. Durch den Sucher der Kamera schafft er die nötige Distanz zum Objekt, um Abbilder zu gestalten, die aussagekräftig sind und den Ort in seiner Eigenart beschreiben. Die visuellen Eindrücke werden mit der Kamera dokumentiert, das sind Überblicke, Zusammenhänge, Zuordnungen, Charakteristika. Auch auffallende Details, Farben und Lichtsituationen werden aufgezeichnet. Es entsteht eine fotografische Topografie. Ein Stadtplan, eine Wanderkarte oder eine Luftbildaufnahme geben zusätzliche Orientierung und ergänzen die Frontalsicht um den Blick aus der Vogelperspektive.

 

Die Arbeit des Kartographen

Während des späteren Umgestaltungsprozesses arbeitet der Künstler ähnlich wie ein Kartograph. Seine Beobachtungen und Erkenntnisse werden als farbige Quadrate in ein Gitternetz mit gleicher Kantenlänge übertragen. Die Zuweisung im Netz entspricht zunächst der Lage vor Ort. Mit dem räumlichen und zeitlichen Abstand gewinnt die Erinnerung an den Ort und die mit ihm verbundenen Empfindungen an Bedeutung für die Arbeit. Die subjektiven Regungen setzen andere Wertigkeiten als das Dokument. Ein farbiges Detail bekommt mehr Bedeutung und wird im Bild durch ein Quadrat markiert, oder Teile der Vorlage rücken dichter zusammen als der Ort vorgibt. Die empfundene oder erinnerte Gewichtung in der Beobachtung lässt keine maßstabsgetreue Übertragung in das Netz von Planquadraten zu. Hier löst der Künstler sich von der fotografischen Topografie. Erlebte Landschaft und Erinnerung werden in einer Art Landkarte verwoben und verdichtet?

 

Das 36er-Raster

Ein Quadrat unterteilt in 36 gleichgroße Quadrate hat konstruktionsbedingt kein in der Mitte liegendes Feld, das durch seine exponierte Lage das Zentrum markieren würde. In einem 36er-Raster liegen 16 Quadrate mittig mit jeweils vier Nachbarfeldern, 16 Quadrate sind am Rand mit je drei Nachbarfeldern angeordnet, jedes der vier Quadrate in den Ecken hat nur jeweils zwei Nachbarfelder. Hier kann eine unterschiedliche Wertigkeit der Quadrate gesehen werden.
36 Quadrate sind eine überschaubare Anzahl, jedes Feld bleibt eigenständig, ohne in einer zu großen Vielfalt unterzugehen. Darüber hinaus bietet die Zahl 36 Teilungsmöglichkeiten durch 2,3,4,6,9,12,18. Auch die Summen der natürlichen Zahlen von eins bis acht und der ungeraden Zahlen von eins bis elf sind jeweils 36. Die Vielfalt von Teilungen bietet reichliche Möglichkeiten, Proportionen für diverse Farbgruppen zu bilden.

 

Regeln zur Umgestaltung

In der Arbeit am Entwurf werden zuvor festgelegte Bedingungen berücksichtigt. Das fängt mit der Bestimmung des Landschaftsausschnitts an. Die Anzahl der Felder gleicher Farbe oder Farbgruppen wird proportional zum gewählten Ausschnitt in der Landschaft im Verhältnis zu den 36 Quadraten ermittelt. Die Zuordnung der Quadrate zu ihren Nachbarfeldern unterliegt ebenfalls gestalterischen Kriterien, das kann z.B. die Vermeidung von auffälligen Wiederholungen oder von Treppenbildungen sein. Für jeden Ort wird ein eigenes System von Farbenwerten (Qualitäten), Anteilen der Farbgruppen (Quantitäten) und Zuordnungen entsprechend den Dokumenten und den Erlebnissen komponiert.

 

Farbe als Projektionsfläche

Die Farben eines Ortes und deren Konstellationen als Farbklänge sind wahrscheinlich ganz unbewusst noch vor dem Erkennen der Dinge in ihren Zusammenhängen der entscheidende Impuls für das Aufkommen einer Faszination. Diese Anziehung für den Ort versucht der Künstler später im Nachmischen der Farben der einzelnen Sujets dem subjektiven Augenschein entsprechend nachzuspüren. Die auf die Leinwand gebrachte Farbe beschreibt damit ein wesentliches Merkmal zur Wiedererkennung der Objekte wie Wasser, Himmel, Land Felsen, Bäume, Häuser, Gletscher usw. Der Maler vertraut auf die Kraft der Farbe, die im Rückschluss auf die Dinge des Ortes verweist. Die farbigen Quadrate lassen keinen Pinselduktus erkennen, lediglich die Stofflichkeit des Bildträgers gibt der Fläche eine Struktur. Die Grenzen zum Nachbarfeld sind scharfkantig gesetzt. Diese Ausarbeitung steigert die Präsenz der Farbe, die quadratische Fläche verstärkt die Konzentration auf die Farbe. Die farbige Fläche bildet so neben ihrer Bestimmung zur Ortsbeschreibung kleine Projektionsflächen für den Betrachter, die ihm die Möglichkeit eröffnet, auf eigene Erinnerungen, Erfahrungen und Emotionen zurückzukommen. Darüber hinaus wird das einzelne farbige Quadrat durch seine Nachbarfarben zusätzlich charakterisiert, es entstehen Farbklänge, die nur so an einem bestimmten Ort auftreten. Die Zuordnung der Farben im Gitternetz in dieser zuvor beschrieben Art und Weise ist keine Aufkachelung eines Mikroausschnitts der Landschaft, die bei einer extremen Vergrößerung einer digitalen Aufnahme entstehen würde.

 

Das Werkbuch zum Gemälde

Zu jedem Gemälde „PlanQuadrat – Orte“ wird ein Werkbuch geführt, in dem die Fotodokumente, Landkarten, Pläne, erste Skizzen, schriftliche Überlegungen zur Gestaltung, Bestimmung der Farbskala, Gestaltungsregeln und eine Vielzahl von Entwürfen mit Kommentaren chronologisch gesammelt sind. Dem endgültigen Entwurf für die Ausfertigung eines Gemäldes wird eine „Legende“ beigefügt, ähnlich der zu einer Landkarte. Einzelne oder auch mehrere farbige Quadrate werden als Gewässer, Häuser, Geländemarkierungen, Berge oder Flurbezeichnungen gekennzeichnet. Die Werkbücher sind ein Protokoll des künstlerischen Prozesses von der fotografischen Motivfindung zur Bild-Erfindung.

 

Der Titel des Bildes

Der Titel eines Bildes ist Hinweis auf den realen Ort und dient der Identifizierung in der Werkgruppe „PlanQuadrat-Orte“. Er soll keine Hilfestellung zur Wiedererkennung des genannten Ortes sein. Das Gemälde ist Ausdruck eines sinnlichen Erlebnisses, erfahren in der genannten Landschaft, umgeformt und dargestellt in der Form eines 36er-Rasters und ausgeführt in der Art der Farbfeldmalerei.

 

Text: K.W. Stegers, 18. Sept. 2013